Benedict Schöning

Engagement braucht Unterbrechung

Handlungsoptionen für Engagement aus theologischer Perspektive

Die Tagung „Engagement braucht Zeit – Gesellschaft braucht Engagement“ der DGfZP am 21./22. 11. 2025 hatte sich dem Anliegen verpflichtet, aus einer interdisziplinären Analyse und dem Gespräch mit Menschen aus der Praxis multiperspektivisch abzuleiten, wie eine Gesellschaft Engagement generieren und fördern kann. Das hat sich als komplexes Unterfangen mit rechtlichen, soziologischen und ökonomischen Komponenten herausgestellt.
Mir war dabei die Aufgabe gestellt worden, aus einer beobachtenden Perspektive heraus im Rückblick Linien zu ziehen und diese möglichst zusammenzuführen. Ich bringe als Theologe dabei eine zeitpolitisch zunächst eher fremde Perspektive ein. Allerdings kann meine disziplinäre Per­spektive vielleicht weitere Handlungspotenziale in dieser Komplexität sichtbar machen. Auch wenn sich im Folgenden kaum explizit theologische Reflexionen finden, sind die Strukturen dahinter von meinem fachlichen Zugang und meiner wissenschaftlichen Haltung geprägt. Diese legen einen Fokus auf den Menschen, die ihn prägenden Narrative und die darin wirksamen Machtstrukturen nahe.
Auch das Anliegen zu einem kritischen Handlungsimpuls entwickle ich aus dieser fachlichen Perspektive: „Kürzeste Definition von Religion: Unterbrechung“ – diese These von Johann Baptist Metz (Metz 1992: 166) zeigt den Anspruch einer Politischen Theologie, nicht notwendige Zusammenhänge zu unterbrechen und daraus neue Handlungsmacht zu erlangen. Im Hinblick auf die Frage, wie Engagement in der Gesellschaft generiert und gefördert werden kann, möchte ich also nach Handlungsoptionen suchen, die Gegebenheiten so unterbrechen, dass Neues möglich wird. Meine Leitfrage wird dabei sein: Wer kann was tun, damit Menschen in unserer Gesellschaft Zeit für die/den Andere:n verschenken?

Menschen-Zeit sinnvoll verschwenden

Angesichts der Frage, wie Gesellschaft das Engagement anregt, das sie braucht, ist die Unterscheidung von intrinsischer und extrinsischer Motivation hilfreich: Erstere ist nicht gezielt zu erzeugen, während letztere nie hinreichend für nachhaltiges Engagement ist. Auf der Tagung standen uns primär intrinsisch Motivierte aus der Praxis vor Augen. Das sind jene Engagierten, die sich auch von widrigen Umständen kaum vom Engagement abhalten lassen. Sie rationalisieren ihr Engagement nicht, suchen darin nicht nach dem Mehrwert oder Vorteil, sondern erfahren wie von selbst Sinn in dem, was sie tun. Damit sind sie für die Reflexion über die organisatorischen Rahmenbedingungen von Engagement schlechte Orientierungspunkte, weil bei ihnen die entscheidenden Faktoren gerade unsichtbar bleiben – sie engagieren sich ja trotz und nicht wegen dieser Rahmenbedingungen.
An diesen intrinsisch Motivierten lassen sich aber Zusammenhänge beobachten, die vor allem an Beispielen aus der Kleinstadt Herzberg sichtbar wurden: Engagement weckt Engagement, und zwar indem jemand initiativ und absichtsvoll Räume eröffnet und mit der eigenen Zeit (und weiteren Ressourcen) in Vorleistung geht, damit andere sich zum Engagement motivieren lassen. Für eine solche Initialgabe werden Zeit und Raum als Ressourcen benötigt, aus denen man geben kann. Eine solche Initiative ist entkoppelt von Gewinnerwartung, Mehrwert oder Anerkennung; sie entsteht, weil Menschen Sinn darin finden, so riskant und verschwenderisch in Vorleistung zu treten. Die so verschenkte Zeit und die Räume werden dann auch von jenen gefüllt werden, denen das Engagement nicht unmittelbar intrinsisch naheliegt, die dort jedoch eine Selbstwirksamkeitserwartung und damit potenziellen Sinn finden.
Diese Überlegung steht damit einem finanziellen Anreizsystem entgegen, weil dieses zwar am Anfang eines Engagementwegs extrinsisch, aber nicht langfristig und nicht vom Ende her motiviert. Die bezahlte Zeit bleibt sinnlos, weil sie nicht vom Ergebnis her ihren Sinn erhält. Dem­gegenüber steht die eingesetzte Zeit als sinnvolle Zeit: Sie hat keinen Eigenwert und lässt sich weder entschädigen noch vergüten. Aber sie motiviert, denn Menschen streben nach Sinn, und sinnstiftendes Engagement legt eine Priorisierung der eigenen Zeit zugunsten anderer nahe. Aus der riskanten Zeitgabe einiger intrinsisch Motivierter kann also die Motivation anderer zum Engagement entstehen. Der Zusammenhang zwischen beiden bleibt aber lose; nur scheint mir, dass es ohne die Initialgabe kaum andere Anreize zu nachhaltigem Engagement gibt.
Drei Problemanzeigen müssen hier folgen. Erstens: Solange Engagement gesamtgesellschaftlich von immer weniger Menschen immer umfangreicher getragen wird, verschärft sich die Frage, wie lange ebendiese Hochengagierten gehalten werden können. Auch jene, auf die man sich scheinbar stets verlassen konnte, müssen gehalten werden und brauchen Sinnerfahrungen, denn wer hier verloren geht, ist ungleich schwerer wiederzugewinnen. Zweitens: Milieugebundenes Engagement hat in der Vergangenheit Strukturen dafür geboten, dass Hochengagierte auf Menschen getroffen sind, die sich haben bewegen lassen, weil sie Teil der gleichen Community waren. Drittens: Wer Zeit verschenken will, braucht Ressourcen – diese sind aber ökonomisch umkämpft.

Narrative – neue Geschichten über Zeit erzählen

Die klassischen Milieus werden kaum zu ersetzen sein. Aber Gruppen, in denen Engagement gefördert wird, zeichnen sich nicht durch einen institutionellen Rahmen aus, sondern im Kern über geteilte Narrative; auch über jene über Zeit und Zeiteinsatz für andere.
Narrative über die Zeit – andere Dinge messen
Haben Menschen viel oder wenig Zeit? Investieren sie die Zeit effizient? Zeit-Narrative sind dominant ökonomisch geprägt und hängen an Zeiten häufig Preisschilder. Das scheint weder notwendig noch sinnig: Der Mensch ist der Zeit gegenüber passiv und kann sich sekundär dazu verhalten, dass Zeit vergeht – lediglich in diesem „Verhalten“ wird die Zeit zur Ressource. Zeit füllt sich von selbst, man kann allenfalls Einfluss auf die Füllung nehmen, aber sie nicht handeln oder vermehren. Daher gibt es nur Priorisierungen, wie das immer Gleichbleibende gefüllt wird. Das verschiebt aber Wertungen: Es geht nicht mehr um den Wert meiner Zeit, sondern um Werte, mit denen ich Zeit fülle. Diese individuelle Wertzuschreibung macht aus der Tauschlogik, die hinter der ökonomischen Erzählung von Zeit steht, eine Gabelogik. Hierin liegt Potenzial, die ökonomische Brille abzulegen und Narrative über Zeit zu etablieren, die Sinnstiftung und Wertzuschreibungen engagementfördernd verschieben.
Zentrale Stories und ihr Ziel: Angst zu Vertrauen verschieben
Die zweite notwendige Facette solcher Narrative ist die Einbindung derer, für die Engagement geleistet wird. Ohne die Idee einer Community oder eines Gegenübers, für die die eigene Zeit gegeben wird, fehlt der Anreiz, Zeit neu zu priorisieren. Wenn ich mich mit meinen Mitmenschen nicht durch gemeinsame Geschichten verbunden fühle, sehe ich keinen Anreiz, für diese Menschen einzustehen. Das Bewusstsein von Zusammengehörigkeit weckt dagegen Verantwortung und motiviert damit zum Engagement. Wenn ich meiner Community aber nicht vertraue, werde ich darin weniger Engagement für den oder die Andere einbringen, weil das Risiko zu groß ist.
Einige wirkmächtige Gegenwartsnarrative stehen dem entgegen, so etwa die Sorge vor Armut. Die damit zusammenhängende Bedrohung, die erzählte und gefühlte Ausweglosigkeit aus der Armut und die damit verbundene Härte sind Narrative gegen das Wagnis, die eigene Zeit riskant zu geben. Gleichzeitig wankt das gesellschaftliche Vertrauen: Die erlebte Dysfunktionalität des Staates, Korruption und Verantwortungslosigkeit entziehen Vertrauen, das viel schneller verspielt als aufgebaut ist. Diejenigen, die Vertrauen verantworten, müssen sehr diszipliniert damit umgehen, weil der Vertrauensverlust dem notwendigen Engagement den Boden entzieht.

Macht – Wer uns „beschäftigen“ darf

Wenn zwei der drei bisher betrachteten Dinge zusammenkommen – Motivation, um Zeit sinnstiftend einzusetzen, und Narrative, die das befördern – fehlt als dritte Perspektive die Macht, die eigene Motivation und Priorisierung auch umzusetzen. Diese Macht zeigt sich an dem Punkt, wo das riskante Geben von Zeit dem oder der Einzelnen möglich ist bzw. verunmöglicht wird. Mächtige Akteure nehmen sich Zeit von anderen, indem sie sie beschäftigen. Wo wir kommunikativ mitverhandeln können, was uns beschäftigt, erleben wir Machtausübung; wo uns das aufgezwungen wird, entsteht Gewalt (vgl. Arendt 2024). Die Grundfrage einer machtkritischen Analyse lautet hier also: Wer beschäftigt uns womit, und darf er oder sie das?
Öffentliche Machtstrukturen binden Menschen beispielsweise hinsichtlich ihrer Zeit für Engagement. Erwerbslose etwa werden bürokratisch mit Behördengängen und Terminen „beschäftigt“, sowie mit Sanktionen dahingehend diszipliniert, dieser Beschäftigung nachzukommen. Die Ganztagsschule bindet Zeit von Kindern zugunsten einer vorgeblichen Freiheit von Eltern, die dann aber ökonomisch genutzt werden soll. In beiden Fällen werden Menschen durch rechtliche Normen und politische Anreize „beschäftigt“. Diese Fälle lassen sich dementsprechend öffentlich kommunikativ verhandeln.
Subtiler ist die private Bindung von Zeit, die als Machtstruktur zunächst unsichtbar bleibt, weil sie scheinbar auf autonomen Entscheidungen beruht. Der Mensch der Gegenwart kämpft gegen professionalisierte, private Aufmerksamkeitsbindung; „Freizeit“ ist in der Gegenwart medial durchorganisiert und ökonomisiert. Darin geht es nicht um die Aufmerksamkeit für andere, sondern um die medial individualisierte Aufmerksamkeit für mich und meinen Konsum. Das Individuum ist strukturell überfordert, hier im Widerstand zu bleiben, weil es dabei allein ist. Der Anreiz, Freizeit vollständig passiv zu verbringen, liegt nicht nur in der Aufmerksamkeitsbindung, sondern auch in der ökonomischen Aufwertung der Freizeit­angebote durch die regelmäßigen Kosten: Wenn ich Net­flix schon zahle, dann muss ich es auch nutzen.
Die potenzielle Engagementzeit in einer Gesellschaft ist demnach auch ökonomisch ausbeutbar und lässt sich verkaufen – mit meiner Freizeit werden qua Aufmerksamkeit Umsätze gemacht. Es gibt also auch ein privat-finanzielles Interesse daran, dass ich mich in dieser Zeit nicht engagiere – eine denkbar schlechte Voraussetzung für eine Gesellschaft, die auf leistungslose Kooperation angewiesen ist. Engagement innerhalb einer staatlich organisierten Gesellschaft steht damit in Konkurrenz zu privat­wirtschaftlichen, nicht demokratisch legitimierten Akteuren, die potenzielle Engagementzeit verwerten. Für das Individuum heißt das: Ich muss mich nicht beschäftigen und damit dem Risiko der Gabe von Zeit aussetzen; leichter ist es, zuzulassen, dass ich einfach durchbeschäftigt werde. Damit kommen rechtliche Steuerungsinstrumente an ihre Grenzen, denn die rechtliche Freiheit und „Freizeit“ ist angesichts der Übermacht der Aufmerksamkeitsökonomie eine Scheinfreiheit.
Der Blick auf die Machtstrukturen zeigt: Die Zeit anderer ohne deren freie Beteiligung zu binden, ist Gewalt. Die eigene Zeit aktiv einzusetzen dagegen ist Machthandeln; die Zeit für andere einzusetzen und sich dabei selbst zu binden, ist Machtteilen. In diesem Machtteilen liegt die Initialgabe, die aus den eigenen Ressourcen nimmt, anderen ein Angebot macht, Vertrauen aufbaut, Zeit nicht-ökonomisch rahmt und so letztlich zum Mit-Engagement motiviert. Wer aus einer Machtposition heraus Zeit verschenkt, entmachtet sich selbst zugunsten der Anderen. Das zu verwirklichen, wird nur im Widerstand gegen mächtige private Akteure funktionieren.

Unterbrechungen

Aus diesen Überlegungen ließen sich nun mögliche Unterbrechungen ableiten: Engagement braucht Vertrauen, denn Vertrauen ist ein Gesellschaftskleber. Vertrauen und Verbundenheit müssen erzählt und dadurch erfahrbar werden; wer Reichweite hat, hat dazu Verantwortung. Solche Erzählungen können den ökonomisch scheinbar unlogischen ersten Schritt einer riskanten, verschwenderischen Initialgabe nahelegen, die Sinnstiftung und Selbstwirksamkeitserfahrung verheißt. Dazu braucht es die Initiative von Mächtigen, Macht zugunsten anderer einzusetzen und damit einen Rahmen für weniger Privilegierte zu schaffen, Zeit mit anderen teilen zu können. Es braucht politisch ebenso die Beschränkung der privaten „Beschäftiger“, die Zeit zur eigenen Verwertung auf sich ziehen. Engagement braucht deswegen nicht nur engagierte Menschen, sondern auch engagierte politische Strukturen. Deren unterbrechendes Potenzial liegt in der Handlung gegen scheinbare Logiken, denn aus einer solchen Gegenhandlung entsteht Gegenmacht. Engagement entsteht dort, wo Zeit nicht effizient genutzt, sondern mutig verschenkt wird – und wo Macht den Mut hat, sich selbst zu unterbrechen.

Literatur
Arendt, Hannah (2024): Macht und Gewalt, Neuausgabe, München: Piper.
Metz, Johann Baptist (1992), Glaube in Geschichte und Gesellschaft. Studien zu einer praktischen Fundamentaltheologie, 5. Auflage, Mainz: Matthias-Grünewald-Verlag.

Dr. Benedict Schöning,
Institut für Katholische Theologie,
Universität Duisburg-Essen

Engagement braucht Unterbrechung
Deutsche Gesellschaft fuer Zeitpolitik
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