Fritz Reheis

Woher nehmen, wenn nicht stehlen?

Über die Wiederaneignung von Zeit – auch für das bürgerschaftliche Engagement

Regelmäßig werden wir aufgefordert, mehr zu arbeiten – und gleichzeitig dazu, uns mehr für das Gemeinwesen zu engagieren. So als ob Zeit eine unendliche Ressource wäre. Und dann gibt es noch jede Menge Ratschläge, wie es uns gelingen kann, in die begrenzte Zeit unseres Lebens mehr hineinzupacken. Die Rede ist dann von „Stellschrauben“ zur besseren Vereinbarkeit von Beruf und Engagement. Erstens: flexibler sein: als Bürger, der sich engagiert, und als Institution, in der das Engagement stattfindet. Zweitens: die Kultur der Anerkennung verändern: weg von materiellen hin zu ideellen Werten. Und drittens: nicht mehr so viel Zeit zu verschwenden, vor allem für den Zeitfresser Nummer eins, die digitalen Medien.
Diese drei Vorschläge waren auch auf unserer Tagung zu hören. Sie sind meines Erachtens nicht ganz falsch. Aber sie sind, so soll im Folgenden deutlich werden, nicht wirklich dazu geeignet, die tieferen Ursachen und den radikalen gesellschaftlichen Transformationsbedarf, der sich auch an diesem Thema zeigt, aufzuklären. Diese Vorschläge werden der wirklichen Problemlage nicht gerecht, weil sie die systemisch bedingte Enteignung von Zeit und deshalb die Notwendigkeit einer ebenso systematischen Wiederaneignung von Zeit verschweigen.

1. Der Ansatz des Homo oeconomicus kann und will die Ursachen der Zeitknappheit für das bürgerschaftliche Engagement nicht aufklären.
Gemeinsam ist den drei Vorschlägen die Vorstellung, der Mensch sei in der Lage, sich frei zu entscheiden, was ihm wichtig ist und was nicht (Grad der Flexibilität, Kriterium für soziale Anerkennung, Art der Freizeitgestaltung). Nur vor dem Hintergrund eines Menschenbildes, das dem Menschen als Individuum den Willen und die Fähigkeit zuschreibt, sich frei für diese Optionen zu entscheiden, ergibt es Sinn, von „Stellschrauben“ zu sprechen. Und wenn viele Menschen gleichzeitig an diesen Stellschrauben in die gleiche Richtung drehen, so die trügerische Hoffnung, würde auch gesellschaftlich das Zeitbudget für das bürgerschaftliche Engagement zunehmen.
Diese Vorstellung fällt nicht vom Himmel. Sie stammt aus der Welt des Homo oeconomicus.1 Der Homo oeconomi­cus ist der Kunstmensch der Marktwirtschaft, genauer: der Modelle, die die herrschende Wirtschaftswissenschaft vom Markt konstruiert. Unabhängig davon, ob wir bei den Klassikern (Adam Smith u. a.) oder Neoklassikern (Leon Walras u. a.) nachschauen, finden wir das Grundaxiom vom Menschen als primär eigennützigem Wesen. Aus ihm und einigen weiteren Annahmen über das Funktionieren von Märkten wird dann abgeleitet, was auf Märkten geschieht. Die zentrale Annahme lautet: Die Wünsche (Präferenzen) der Marktteilnehmer entstehen nicht auf den Märkten selbst, sondern werden von außen mitgebracht. Nur durch diese Annahme erhalten Märkte ihr Freiheitssiegel. Allein durch die „unsichtbare Hand“ des Marktes (Adam Smith) – also durch Angebot, Nachfrage, Preisbildung und Konkurrenz – vollbringen Märkte demnach das Wunder, dass am Ende des Markttages alle Akteure zufrieden nach Hause gehen, weil ihre mitgebrachten Wünsche bestmöglich – unter den gegebenen Bedingungen – befriedigt worden sind. Kurz: Märkte verwandeln Egoismus in Gemeinwohl.
Wichtig in unserem Zusammenhang ist: Diese Vorstellung vom Wesen des Marktgeschehens erklärt die Präferenzen nicht – und will dies auch gar nicht. Sie setzt sie einfach voraus. Dass diese Präferenzen Ursachen haben, spielt in diesen Modellen keine Rolle. Sie fallen der spezifischen Abstraktion, die die Konstrukteure der Modelle vorgenommen haben, zum Opfer. Sie werden den Nachbardisziplinen (Biologie, Kulturwissenschaft, Soziologie und Psychologie) überantwortet. Nur so lassen sich jene eleganten und immer weiter mathematisierten Modelle konstruieren, die an Schulen und Hochschulen immer noch gelernt werden müssen und den Eindruck vermitteln, die Marktwirtschaft sei die beste aller möglichen Wirtschaftswelten. Auch die Zeit spielt in dieser Vorstellungswelt übrigens keine Rolle: Sie wird in der Grund­version der Allgemeinen Gleichgewichtstheorie explizit auf null gesetzt, und, wenn es um Geldmärkte geht, selbst bepreist (Zinsen als Preis für Zeitpräferenzen).
Erstes Zwischenfazit: Dass an den drei Stellschrauben zur Erhöhung des Zeitbudgets für bürgerschaftliches Engagement bisher zu wenig gedreht wird, liegt nach Auskunft der herrschenden Wirtschaftswissenschaft letztlich an niemand anderem als an uns selbst. Diese Lehre von der Souveränität der Konsumenten ist jedoch keine wirtschaftswissenschaftliche Erkenntnis, sondern lediglich das zentrale Axiom des Homo oeconomicus.

2. Die herrschende Wirtschaftsweise geht räuberisch mit der Lebenszeit der Menschen um.
Gegen diese Modellwelt gibt es seit Langem Einwände, nicht nur von Marxisten und Keynesianern. Sie ist wegen ihres Modellplatonismus im Grunde „autistisch“, behauptet die vor rund 25 Jahren entstandene Bewegung der „Postautisten“. Heute gibt es ein weltweites Netzwerk „Plurale Ökonomik“. 2 Wer sich die reale Wirtschaft ohne die Brille des Homo oeconomicus genauer ansieht, kann unschwer erkennen, dass die Rede von den drei Stellschrauben für die Erweiterung des Zeitbudgets, das für bürgerschaftliches Engagement zur Verfügung steht, mit der Realität der Wirtschaft wenig zu tun hat.
Sobald man sich nämlich von der Fiktion der exogenen Präferenzen trennt, offenbart sich ein Zwangssystem, das vielfach beschrieben wurde, zum Beispiel durch den Soziologen Oskar Negt in seinem Buch „Lebendige Arbeit, enteignete Zeit“ (Negt 1984). Ohne auf Negts Buch hier näher einzugehen, soll nur festgehalten werden: In der realen Wirtschaft gibt es eine Vielzahl von Umständen, die den Menschen zur Abgabe von Arbeitsleistung und damit Lebenszeit bewegen. Sie üben eine strukturell-systemische Gewalt über das menschliche und übrigens auch über außermenschliches Leben aus (Massentierhaltung).
Wie zeigt sich diese Gewalt auf der Seite der Konsumenten? Ehe sie auf den Markt kommen, sind sie nicht nur mit allgegenwärtiger Werbung konfrontiert worden (um die sich vorher bestbezahlte Psychologen gekümmert haben), sondern überhaupt in eine ganz bestimmte Welt hinein sozialisiert und von ihr kulturell geprägt worden – die „imperiale Lebensweise“ (Brand / Wissen 2017). Dazu gehört nicht zuletzt die Vorstellung vom herausragenden Stellenwert des materiellen Wohlstands für ein gutes Leben und damit verbunden davon, dass es erforderlich sei, einen wesentlichen Teil der Lebenszeit in ihn zu investieren (oder ihm zu opfern). Diesen Vorprägungen zu widerstehen ist zwar im Prinzip möglich, aber schwierig – und erfordert neben einigem kritischen Reflexions­vermögen vor allem sehr viel Mut.
Und wie zeigt sich diese Gewalt auf der Produzentenseite? Gelockt durch die Kaufkraft ihrer Kunden und gezwungen durch die Konkurrenz um Kapital können auch die Produzenten dem Wachstumszwang kaum entgehen. Ihre zeiträuberischen Strategien werden gern als „Sachzwänge“ bezeichnet. Da ist zum Beispiel die Strategie, Produkte so zu gestalten, dass sie in einer vordefinierten Zeit wieder verschlissen werden: in physischer (Sollbruchstelle) und psychischer Hinsicht (Wechsel der Moden). Oder die Strategie, möglichst viele Luxusgüter für Reiche und Super­reiche (Luxusautos, Jachten, Privatflugzeuge) zu produzieren, weil das lukrativer ist als die Bedarfsdeckung für den gewöhnlichen Alltag. Oder aber auch die Ausweitung von Arbeitszwängen durch den sich ausbreitenden Umfang von Dienstleistungen, die der Werbung, Marktforschung und Markterschließung, der Beratung und der Bereitstellung und Absicherung von Finanzmitteln dienen. Der Anthropologe David Graeber spricht von „Bullshit-Jobs“ (Graeber 2018). Und schließlich bindet auch der immer unübersehbarer werdende Aufwand für die Abdeckung diverser Risiken, die mit Luxuskonsum, sozialer Zerklüftung und der Reparatur von psychischen, sozialen und ökologischen Schäden einhergehen, jede Menge menschlicher Lebenszeit.
John Maynard Keynes hatte 1930 prognostiziert, dass durch den technischen Fortschritt innerhalb von einhundert Jahren die wöchentliche Arbeitszeit auf 15 Stunden sinken könnte.3 Warum sind wir davon heute so weit entfernt? Weil der sogenannte „Sachzwang“ des Wirtschaftswachstums dies nicht zulässt. Jeder Rückgang des Sozialprodukts lässt Alarmglocken läuten, gefährdet die ökonomische und – über kurz oder lang – die politische Stabilität (dynamische Stabilisierung).
Zweites Zwischenfazit: Wir alle wirken fleißig daran mit (als Konsumenten, Arbeitnehmer und Investoren beziehungsweise Sparer), einen beachtlichen Teil unserer Lebenszeit der Erwerbsarbeit zu übereignen. Und wir nehmen billigend in Kauf, dass neben unserer eigenen Lebenszeit auch die Lebenszeit anderer Lebewesen instrumentalisiert wird.

3. Zum Zweck der Wiederaneignung der Zeit könnte und sollte Zeitpolitik nicht auf den Markt, sondern auf die Demokratisierung von Arbeit, Konsum und Naturverhältnissen setzen.
Die Befreiung aus dieser selbstverschuldeten – oder zumindest hingenommenen – Enteignung von Zeit müsste mit einem anderen Leitbild von Wohlstand einhergehen: dem Zeitwohlstand (Reheis 2024). Gut leben statt viel haben wäre sein Motto. Zeitwohlstand wäre ein „Wohl-Sein“ (Erich Fromm), das sich durch eine Fülle von Gelegenheiten für Genuss- und Selbstwirksamkeitserfahrungen jenseits der Arbeit auszeichnet. Zeitwohlstand könnte vielfältige Möglichkeiten eröffnen, Erfahrungen mit sozialer Anerkennung jenseits materieller Konsummuster und dominanter Karrieremuster zu erproben. Ob das Stoppen der Enteignung von Lebenszeit und ihre Wiederaneignung dem bürgerschaftlichen Engagement zugutekämen, ist allerdings eine andere Frage.
Wie wäre eine Wiederaneignung von Lebenszeit anzugehen? Nötig wäre eine Kombination aus einer gewerkschaftlichen (radikale Verkürzung der Wochen-, Jahres-, Lebensarbeitszeit) und einer sozial- und wirtschaftspolitischen (Erhöhung der sozialen Sicherheit, Modell der Ziehungsrechte, Bedingungsloses Grundeinkommen) Strategie. Sie wäre Zeitpolitik im strengen Sinn des Wortes, weil sie auf die Gestaltung der Lebenszeit der Gesellschaftsmitglieder zielt. Eine solche Zeitpolitik müsste sich der Marktlogik widersetzen. Sie wäre insofern fundamental politisch, als sie auf der Gleichheit der Rechte der Mitglieder eines Gemeinwesens beharrt (also die Ungleichheit der Märkte zumindest teilweise wirkungslos macht). Diese zeitpolitische Stoßrichtung wäre in einer rechtsstaatlichen Demokratie nichts Geringeres als ein Beitrag zur konsequenten Durchsetzung des Primats der Politik über die Ökonomie (statt „Wer zahlt, schafft an“: „Ein Mensch, eine Stimme“).
Der Primat der Politik ist im Übrigen auch in Hinblick auf die sozialen Naturverhältnisse unabdingbar. Denn jeder Versuch, das Schneller-Höher-Weiter der herrschenden Wirtschaft zu stoppen und das Leitbild der Kreislaufwirtschaft ernsthaft umzusetzen, muss die nicht nur sozial, sondern auch ökologisch prinzipiell blinde kapitalistische Marktwirtschaft mit politischen Mitteln in ihre Schranken weisen. Die Umverteilung bzw. Wiederaneignung von Zeit könnte nicht zuletzt die Chancen für die Demokratisierung der gesellschaftlichen Naturverhältnisse er­höhen. Diese Umverteilung bzw. Wiederaneignung von Zeit könnte zum Beispiel die dringend benötigten Zeiträume für ökologische Bildung erweitern – für ein überlebenswichtiges Praxisfeld bürgerschaftlichen Engagements. Die Umverteilung bzw. Wiederaneignung von Zeit könnte so mit dem Respekt vor der Souveränität des Menschen über seine Lebenszeit auch den Respekt vor den Eigenzeiten von Tieren und Pflanzen stärken.
Schlussfazit: Die Enteignung der Lebenszeit des Menschen durch eine auf Wachstum und Beschleunigung gepolte Ökonomie kann auf der Grundlage von Rechtsgleichheit und Demokratie gestoppt werden. Eine solche Umverteilung von Zeit zielt auf die Transformation des herrschenden Leitbilds des Güterwohlstand in Richtung auf einen Wohlstand an Zeit. Zeitwohlstand wäre eine notwendige, wenn auch keine hinreichende Voraussetzung für die Erhöhung des Zeitbudgets für das bürgerschaftliche Engagement.

Zitierte Literatur
Brand, Ulrich / Wissen, Markus (2017): Imperiale Lebensweise. Zur Ausbeutung von Mensch und Natur im globalen Kapitalismus, München: Oekom.
Graeber, David (2018): Bullshit-Jobs. Vom wahren Sinn der Arbeit. Aus dem Englischen von Sebastian Vogel, Stuttgart: Klett-Cotta.
Negt, Oskar (1984): Lebendige Arbeit, enteignete Zeit. Politische und kulturelle Dimensionen des Kampfes um die Arbeitszeit, Frankfurt/Main – New York: Campus.
Reheis, Fritz (2024): Zeitwohlstand – ein Leitbild, in: Steinrücke Margareta / Zimpelmann Beate (Hrsg.),
Weniger arbeiten, mehr leben! Die neue Aktualität von Arbeitszeitverkürzung, Hamburg: VSA, S. 47-58.

  1. Im Folgenden als Überblick: de.wikipedia.org/wiki/Homo_oeconomicus (10.02.2026). Zur Vertiefung: Reheis Fritz, Konkurrenz und Gleichgewicht als Fundamente von Gesellschaft. Interdisziplinäre Untersuchung zu einem sozialwissenschaftlichen Paradigma, Berlin – München: Dunker & Humblot 1986. ↩︎
  2. Als Überblick: de.wikipedia.org/wiki/Plurale_Oekonomik (10.02.2026). ↩︎
  3. Keynes, Maynard: Economic Possibilities for Our Grandchildren, zitiert nach Flecker Jörg/Altreiter Carina, Warum Arbeitszeitverkürzung sinnvoll ist, in: WISO 3/2024, S. 16-28. ↩︎
Woher nehmen, wenn nicht stehlen?
Deutsche Gesellschaft fuer Zeitpolitik
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