Jana Friedrichsen

Gesellschaft braucht Engagement –
und Engagement braucht Zeit

Jeden Tag verwenden viele Menschen einen Teil ihrer Lebens­zeit darauf, freiwillig und unbezahlt Dienst an der Gemeinschaft zu tun. Sie helfen bei Freizeitangeboten für Kinder, unterstützen hilfsbedürftige Nachbarn im direkten Umfeld oder im weiteren Umfeld über Nachbarschafts­vereine. Sie zählen Vögel, gießen Bäume, betreuen Reparatur-Cafés und Upcycling-Workshops oder engagieren sich anderweitig für Umwelt- und Naturschutz. Von den vielen politisch Aktiven und der Bedeutung von Ehrenamtlichen im Breitensport gar nicht erst zu sprechen. Unser Gemeinwesen braucht dieses Engagement. Das ist ebenso offensichtlich wie der dahinterstehende Zeitbedarf.
Laut Zahlen des jüngsten Freiwilligensurveys aus dem Jahr 2024 sind 36,7 % der Bevölkerung ab 14 Jahren in Deutschland freiwillig engagiert. Das freiwillige Engagement befindet sich damit auf einem noch hohen, aber im Vergleich zur Vorerhebung von 2019 leicht niedrigeren Niveau (Fritzsche u. a. 2025: 4). Knappe Zeit ist unter den befragten Freiwilligen ein sehr oft genannter Grund, wenn Engagement reduziert oder abgebrochen wird (Fritzsche u. a. 2025: 16). Erwerbsarbeit, Haushalt, Kinder, Arbeitswege, Schulwege, Stau – das Leben und seine Herausforderungen – das alles braucht Zeit. Warum engagieren sich einige Menschen und andere nicht? Da die Entscheidung zum individuellen Engagement eine zur Verwendung der knappen Ressource Zeit ist, ist eine mikroökonomische Betrachtung angezeigt.
Aus dieser Perspektive halte ich eine Forderung nach „mehr Zeit für Engagement“ für nicht wohldefiniert. Zum einen ist die Obergrenze von 24 Stunden eines Tages nicht verhandelbar. Zum anderen ist die Zeit, die Menschen für Engagement aufwenden, das Ergebnis der Entscheidungen dieser Menschen, wie sie diese 24 Stunden füllen wollen. Diesem Zeitverwendungsproblem der einzelnen Individuen möchte ich hier meine Aufmerksamkeit widmen, um zu erläutern, warum es zu kurz greift, nur auf die theoretisch für Engagement verfügbare Zeit zu schauen. Darauf aufbauend werde ich anhand von zwei Fallstudien der Frage nachgehen, welche Maßnahmen das für Engagement als verfügbar wahrgenommene Zeitbudget und schließlich das Engagement erhöhen könnten, um es als zentrales Element unseres Gemeinwesens zu stabilisieren.

Zeitverwendung als individuelles Entscheidungsproblem

Sich zu engagieren ist die bewusste Entscheidung, die eigene begrenzte Lebenszeit nicht nur für sich selbst, für den Markt oder für die Familie einzusetzen, sondern einen Teil davon anderen zu widmen. Man kann daher Engagement als Zeitschenkung verstehen und die Entscheidung dafür oder dagegen und den Umfang unter­suchen, als handelte es sich um eine Entscheidung analog zu wohltätigen Geld- oder Sachspenden. Dabei bevor­zugen Spendende in kontrollierten Experimenten Zeitspenden gegenüber Geldspenden in Höhe ihrer Opportunitätskosten der gespendeten Zeit (Brown u. a. 2018). Dies erklären die Autoren damit, dass Freiwilligenarbeit stärker als eine Geldspende ein gutes Gefühl, einen „warm glow“ vermittele.
Jedes Individuum, das darüber nachdenkt, sich zu engagieren, trifft eine Entscheidung über die Verwendung seiner Zeit. Diese ist Teil eines allgemeineren Entscheidungsproblems: Wie verwenden Menschen die ihnen zur Verfügung stehende Zeit, insbesondere die Zeit, die sie nicht für Erwerbsarbeit aufwenden? Wegweisend für die ökonomische Bearbeitung dieser Frage ist Gary Beckers A Theory of the Allocation of Time von 1965. In diesem Artikel entwickelt Becker ein theoretisches Modell für Haushaltsentscheidungen, das im Gegensatz zu anderen ökonomischen Modellen nicht nur zwischen Arbeit und Freizeit unterscheidet, sondern eine Vielzahl unterschiedlicher Zeitnutzungen erlaubt, darunter Zeit für Einkäufe, Kochen, Kinderbetreuung, die zusammen mit weiteren Inputs für einen Haushalt relevante Outputs liefern (z.B. Mahlzeiten oder Bildung). Für diesen Beitrag zähle ich auch Engagement zu den möglichen Zeitverwendungen.
Eine wichtige Prämisse dieser Modellierung ist, dass Individuen auch in Bezug auf die Verwendung ihrer Zeit im weiteren Sinne im eigenen Interesse agieren. Ich gehe also davon aus, dass ein Individuum bei der Entscheidung für oder gegen Engagement berücksichtigt, ob es sich mit oder ohne das Engagement besserstellt und gerade so viel Zeit für freiwillige Tätigkeiten verwendet, wie es dies für richtig hält. Das freiwillige Engagement nimmt in dieser Betrachtungs­weise eine Rolle ein, die analog zu einem privaten Konsumgut zu sehen ist. Engagement ist etwas, wofür ein Mensch Zeit und damit – in Form von Opportunitäts­kosten – auch Geld verwendet, um damit einen attraktiven, in der Regel nicht-monetären Gegenwert zu erzielen. Ich gehe also davon aus, dass auch Menschen, die sich engagieren, auf positive und negative Anreize reagieren und unter Nebenbedingungen der zeitlichen Verfügbarkeit versuchen, eine gute Entscheidung zu treffen.
Lassen Sie uns näher betrachten, welche Vor- und Nachteile Menschen abwägen, wenn sie überlegen, ob sie Zeit für ein Engagement oder anders verwenden. Auf der Positiv­seite stehen intrinsische und extrinsische Aspekte, die jemanden motivieren, aktiv zu werden. Unter intrinsische Motive fallen beispielsweise Altruismus und allgemeiner der Wunsch, sich für andere Menschen, Tiere oder die Umwelt zu engagieren, ohne damit einen geldwerten Vorteil zu erwirtschaften. Engagement wird außerdem oft als sinnstiftend erlebt und damit als ein für einige essenzieller Beitrag zur eigenen Identität, die nicht für jeden im Erwerbsleben voll ausgebildet oder gelebt werden kann. Schließlich können freiwillige Tätigkeiten Momente der Solidarität und Gemeinschaft erlebbar machen, die individuell als befriedigend erfahren werden. Extrinsische Anreize für Engagement können formale Förderelemente
sein, wie (bezahlte) Freistellungen von der Arbeit oder Aufwandsentschädigungen. Ich möchte außerdem drei Aspekte hervorheben, die über Vergünstigungen oder Entschädigungen hinausgehen.

  1. Die Übernahme eines Ehrenamts kann soziale Anerkennung fördern.
  2. Über das Engagement können sich Netzwerke und Kontakte ergeben, die auch im Berufsleben oder privat nützlich sind.
  3. Engagement kann Möglichkeiten eröffnen, neue Kompetenzen zu erwerben oder zu trainieren, die anderweitig wertvoll sind, sei es in Form eines Rhetorikworkshops für politisch Aktive oder durch das Erlernen eines neuen Designprogramms für die Gestaltung von Informationsmaterial einer Initiative.

Ich möchte nun kurz auf zwei Beispiele eingehen, um zu beleuchten, wie gesellschaftliche Veränderungen andere Parameter und Rahmenbedingungen des Zeitverwendungsproblems und damit die individuelle Entscheidung für oder gegen Engagement beeinflussen.

Beispiel 1: Konkurrenz und Steigerungslogik
Eine große Mehrheit in Deutschland gibt in Befragungen an, dass der Erfolg im Leben stark von persönlicher Anstrengung und Fleiß abhängt (Stockhausen 2023: 10-12). Dies impliziert ein Leistungsdenken, das einerseits beruflichen Erfolg und Einkommen, andererseits Investitionen in die Zukunftschancen der eigenen Kinder priorisiert. Die Opportunitätskosten für freiwilliges Engagement steigen dadurch, denn der eigene Status und der der eigenen Kinder sind starke Motivatoren. Kann das freiwillige Engagement in diesem Wettbewerb mithalten? Maßnahmen, die auf die konkurrierenden Zeitnutzungen abzielen, sind bezahlte Freistellungen oder Auszeiten für freiwilliges Engagement oder die besondere Anerkennung von frei­willigen Tätigkeiten. Dadurch wird das Engagement im Vergleich zu anderen Zeitverwendungen relativ attraktiver. Freistellungen können jedoch ins Leere laufen, wenn die Wettbewerbsanreize in anderen Bereichen so groß sind, dass die zur Verfügung gestellte Zeit entgegen der Intention dort eingesetzt wird und weniger für den eigentlichen Freistellungsgrund. Nachwuchsforschende können beispielsweise Elternzeit nutzen, um mehr Zeit und Freiraum für ihre Qualifizierung zu haben, indem sie die formal hinter der Freistellung stehende Kinderbetreuung an die Familie oder Fachkräfte delegieren. Mein Fazit aus diesem Beispiel ist, dass Zeitverwendung auf „relative Preise“ reagiert, die stark von gesellschaftlichen Anerkennungsmechanismen geprägt sind.

Beispiel 2: Soziale Medien
80 % der deutschen Internetnutzenden ab 16 Jahren nutzen regelmäßig soziale Medien, und der durchschnittliche Nutzer sozialer Medien in Deutschland verbringt über 18 Stunden pro Woche privat in ihnen (Krah 2024). Empirische Untersuchungen deuten darauf hin, dass Individuen soziale Medien nicht immer zu ihrem eigenen Vorteil nutzen. Eine große Studie in den USA, in der unter den Teilnehmenden eine Deaktivierung ihrer Facebook-Konten randomisiert umgesetzt wurde, findet, dass das Abschalten die durchschnittliche Online-Zeit reduzierte und das subjektive Wohlbefinden verbesserte (Alcott u. a. 2020). Die Zeit, die mit Fernsehen oder im sozialen Kontakt mit Familie und Freunden verbracht wurde, stieg an, und auch nach der Intervention war die Nutzung von Facebook in der Gruppe reduziert, die ihren Account während der Studie deaktiviert hatte. Das Design sozialer Medien trägt zur exzessiven Nutzung bei, da die Plattformen Nutzende möglichst lange auf ihren Seiten halten wollen, und es befördert die oben bereits erwähnte Vergleichs- und Steigerungslogik (z. B. Wiesböck u. a. 2026: 17-18). Die dort (ungewollt) verbrachte Zeit fehlt dann für andere Aktivitäten. Ich schließe aus diesem Beispiel, dass eine stärkere Regulierung des digitalen Raums neben direkten Auswirkungen auf das Wohlbefinden der Nutzenden als Nebeneffekt auch mehr Zeit für Engagement freisetzen könnte.

Relativpreise des Engagements und gesellschaftliche Veränderung

Die beiden Beispiele zeigen Aspekte auf, die auf der gesellschaftlichen Ebene liegen und die individuelle Entscheidung, sich zu engagieren, beeinflussen. Dabei habe ich Engagement als bewusste Entscheidung des Individuums skizziert. Dass jemand sich grundsätzlich engagieren möchte, reicht dabei nicht aus, um Engagement zu realisieren, vielmehr müssen diejenigen, die wollen, sich auch in Abwägung zeitlicher, finanzieller und organisatorischer Zielkonflikte dazu in der Lage fühlen. Hier liegt meiner Ansicht nach der Knackpunkt: Die wahrgenommene verfügbare Zeit hängt maßgeblich von gesellschaftlichen Normen und Zwängen ab. Eine Ausweitung der Freistellungsregelungen für bestimmte Ehrenämter erscheint mir vor dem Hintergrund der oben skizzierten Beispiele und des Modellrahmens nur dann sinnvoll, wenn durch die Auswahl der dadurch begünstigten Ehrenämter eine Steuerungswirkung erreicht werden soll. Auch Zeitwertkonten und Sabbaticals erscheinen mir weniger geeignet, da sie Engagement nicht im Rahmen der Alltagsstrukturen stützen. Stattdessen halte ich es für vielversprechender, direkt auf die relativen Preise von freiwilligem Engagement einzuwirken. Neben der gesellschaftlichen Wertschätzung und Unterstützung bei bürokratischen Anliegen und evtl. Haftungsfragen im Freiwilligenbereich könnte es Engagement stützen, wenn es eine soziale Norm gäbe, dass sich jeder mindestens in geringem Umfang engagiert. Ein solcher Normenwandel könnte eine gesellschaftlich konzertierte Reduktion der als Vollzeit definierten Arbeitszeit begleiten, um zu erreichen, dass die dadurch entstehenden zeitlichen Freiräume auch zu einer breiteren Basis im gesellschaftlichen Engagement führen. Sonst besteht im Sinne der Beispiele die Gefahr, dass diese Zeit gewollt oder ungewollt in Arbeit oder im Internet verpufft.

Literatur
Allcott, Hunt / Braghieri, Luca / Eichmeyer, Sarah / Gentzkow, Matthew (2020): The welfare effects of social media. In: American Economic Review, 110, 3: 629-676.
Becker, Gary S. (1965): A theory of the allocation of time. In: Economic Journal, 75, 299: 493-517.
Brown, Alexander L. / Meer, Jonathan / Williams, J. Forrest (2019): Why do people volunteer? An experimental analysis of preferences for time donations. In: Management Science, 65, 4: 1455-1468.
Fritzsche, Anne / Leven, Ingo / Rysina, Anna / Schneekloth, Ulrich / Wolfert, Sabine (2025): Zentrale Ergebnisse des Sechsten Deutschen Freiwilligensurveys (FWS 2024). In: Staatsministerin für Sport und Ehrenamt im Bundeskanzleramt (Hrsg.): Freiwilliges Engagement in Deutschland. Berlin.
Krah, Eva-Susanne (2024): Social-Media-Nutzung in Deutschland sinkt. In: SpringerProfessional, Online-Artikel. www.springerprofessional.de/social-media/kommunikation/social-media-nutzung-sinkt/27333640 (abgerufen am 27.02.2026)
Stockhausen, Maximilian (2023): Einstellungen zur sozialen Mobilität: IW-Verteilungsreport 2023, IW-Report No. 58/2023. Köln: Institut der deutschen Wirtschaft (IW).
Wiesböck, Laura / Wang, Nuoyi / Reitzer, Pauline / Bănoiu, Irina (2026): ADDICT. Bewertungsansätze für das Risikomanagement suchtfördernder Designs und Praktiken digitaler Plattformen. In: Materialien zur Konsumforschung Nr. 20. Wien: Kammer für Arbeiter und Angestellte für Wien.

Jana Friedrichsen,
Christian-Albrechts-Universität zu Kiel

Gesellschaft braucht Engagement
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