
Stephanie Kuntze
Die Stadtmacher:innen
Zeitpolitik als kommunale Gestaltungsaufgabe am Beispiel der projektorientierten Bürgerräte in Herzberg (Elster)
Engagement ist Zeit. Und Zeit ist heute für viele Menschen knapper als Geld. Wer sich engagiert, investiert Lebenszeit – neben Erwerbsarbeit, Sorgearbeit, Mobilität, finanziellen Verpflichtungen und individuellen Prioritäten. Studien und Tagungsberichte zeigen übereinstimmend: Zeitkonflikte sind der häufigste Grund, warum Menschen ein Engagement nicht aufnehmen oder wieder aufgeben. Das ist keine Gleichgültigkeit, sondern Ausdruck gesellschaftlicher Zeitordnungen. Genau hier beginnt Zeitpolitik – und genau hier beginnt kommunale Verantwortung.
Die Stadt Herzberg (Elster) mit rund 9.000 Einwohner:innen steht exemplarisch für viele kleinere Städte im ländlichen Raum. Zwischen Berlin und Leipzig gelegen, ist sie mit prognostiziertem Bevölkerungsrückgang, geringer Steuereinnahmekraft, Arbeits- und Fachkräftemangel sowie dem Erstarken antidemokratischer Strukturen konfrontiert. Wir haben weniger Menschen, die mehr Aufgaben schultern müssen. Engagement ist für uns deshalb kein „nice to have“, sondern systemrelevant – für Mobilität, Kultur, Lebensqualität und Daseinsvorsorge.
Aus dieser Lage heraus ist eine zentrale Erkenntnis gewachsen: Wenn Engagement Zeit ist, dann ist Zeit gestaltbar. Sie ist politisch, verhandelbar und verteilbar. Kommunen können Rahmenbedingungen schaffen, die Engagement ermöglichen – auch und gerade für Menschen mit knappen Zeitressourcen.
Wer engagiert sich – und wer nicht?
Engagement ist sozial ungleich verteilt. Häufig engagieren sich Menschen, die gut vernetzt sind, über flexible Arbeitszeiten verfügen oder bestimmte Bildungs- und Einkommensbiografien mitbringen. Andere – junge Eltern in neuen Arbeitsverhältnissen, Menschen in Schichtarbeit oder mit körperlich belastenden Tätigkeiten, Personen mit Migrationsgeschichte, Alleinerziehende – haben oft schlicht nicht die nötigen Zeitfenster (vgl. Schader-Stiftung / Deutsche Gesellschaft für Zeitpolitik / Evangelische Hochschule Darmstadt / IZGS, 2025).
Gleichzeitig zeigt die Praxis, wie vielfältig Engagement sein kann: Seniorinnen und Senioren bringen Erfahrung und Reflexion ein, Jugendliche investieren im Freiwilligen Sozialen Jahr sogar ganze Lebensabschnitte, Menschen mit Fluchtgeschichte engagieren sich trotz Doppelbelastung durch Arbeit und Integrationsaufgaben (vgl. Schader-Stiftung / Deutsche Gesellschaft für Zeitpolitik / Evangelische Hochschule Darmstadt / IZGS, 2025). Die entscheidende Frage lautet daher nicht nur: Wer will sich engagieren? Sondern: Unter welchen zeitlichen Bedingungen ist Engagement möglich?
Zeitpolitik bedeutet in diesem Sinne, unterschiedliche Lebenszeitarrangements ernst zu nehmen und Beteiligungsformate so zu gestalten, dass sie zu realen Alltagsrhythmen passen.
Neue Zeitstrukturen für Engagement: Das Modell der Stadtmacher:innen
Vor einigen Jahren hat sich Herzberg gefragt: Wie erreichen wir Menschen, die sich sonst nicht beteiligen würden? Wie holen wir jene ab, die keine Routine im Engagement haben, keine Netzwerke oder das Gefühl, „nicht gemeint“ zu sein? (vgl. Netzwerk Zukunftsorte, 2023)
Unsere Antwort war radikal niedrigschwellig: projektbezogene Bürgerräte im Losverfahren – die sogenannten Stadtmacher:innen. Das Losverfahren durchbricht gewohnte Beteiligungsmuster. Es spricht nicht nur die Engagierten an, sondern lädt zufällig ausgewählte Einwohner:innen persönlich ein. Gelost, geladen, aufgesucht – so lautet das Prinzip.
Je nach Thema werden 200 bis 300 Personen per Zufallsauswahl angeschrieben, differenziert nach Alter, Geschlecht, Wohnort und gegebenenfalls Migrationshintergrund. Die Rücklaufquote liegt bei bis zu 25 %. Bei Bedarf wird mehrfach gelost oder aufsuchend eingeladen, insbesondere in den Ortsteilen. Die Vorbereitungszeit beträgt vier bis sechs Wochen. Dazu gehören Zielgruppendefinition, Erstellung persönlicher Anschreiben, Informationsmaterial, Feedbackbögen sowie statistische Auswertungen über die Einwohnermeldesoftware (vgl. Stadt Herzberg (Elster), 2022–2026).
Der zeitliche Aufwand innerhalb der Verwaltung bleibt überschaubar: Pro Verfahren fallen etwa sechs bis zehn Stunden für die Vorbereitung sowie sieben bis zwölf Stunden für Durchführung und Nachbereitung an. Deutlich höher sind die Kosten in der Anfangsphase, wenn externe Moderation und Prozessbegleitung hinzugezogen werden. Beim ersten Bürgerrat lagen die Gesamtkosten – vor allem aufgrund professioneller externer Unterstützung – bei über 9.000 € (vgl. Stadt Herzberg (Elster), 2022–2026). Für eine kleine Kommune ist das eine spürbare Investition.
Gleichzeitig war diese externe Begleitung zu Beginn sehr hilfreich. Sie diente nicht nur der Qualitätssicherung des Verfahrens, sondern vor allem dem Kompetenzaufbau im eigenen Haus. Mitarbeitende konnten Moderationsmethoden, Prozessarchitektur und Beteiligungsdesign praxisnah erlernen. Zudem half die externe Expertise dabei, realistische Zeitpläne zu entwickeln, typische Hürden frühzeitig zu erkennen und Ressourcen sowie Meilensteine besser einzuschätzen. Gerade in der Startphase schafft professionelle Begleitung Sicherheit und Verlässlichkeit – nach innen wie nach außen. Ein weiterer wichtiger Aspekt: Solche Anschubphasen lassen sich häufig über Förderprogramme bezuschussen. Dadurch relativiert sich die finanzielle Belastung für die Kommune deutlich. Externe Unterstützung wird so zu einer gezielten Investition in den langfristigen Kompetenzaufbau.
Mit jeder weiteren Durchführung steigt die Routine. Abläufe werden klarer, Zuständigkeiten sind eingespielt, Aufwand und Nutzen lassen sich präziser kalkulieren. Die Verwaltung gewinnt Erfahrung im Umgang mit Zielgruppenauswahl, Einladungspraxis, Moderation und Ergebnisaufbereitung. Dadurch reduzieren sich die Kosten erheblich. Während anfangs noch umfassende externe Begleitung notwendig war, können spätere Bürgerräte weitgehend eigenständig organisiert werden. Die Ausgaben beschränken sich dann im Wesentlichen auf organisatorische Rahmenbedingungen – insbesondere auf eine wertschätzende und gute Verpflegung der Teilnehmenden. Hierfür sollten mindestens 150 € eingeplant werden (vgl. Stadt Herzberg (Elster), 2022–2026).
So zeigt sich: Die anfänglich höheren Kosten sind eine strategische Investition. Durch Qualifizierung des eigenen Personals und zunehmende Erfahrung sinken die Ausgaben mit jedem weiteren Verfahren deutlich, während die Qualität und Effizienz der Prozesse zugleich steigen.
Entscheidend ist die formale Verankerung des Verfahrens: In Herzberg ist der Bürgerrat in der Einwohnerbeteiligungssatzung (§ 6) festgeschrieben und durch Ratsbeschlüsse flankiert (vgl. Stadt Herzberg (Elster), 2022–2026). Beteiligung ist damit kein freiwilliges Zusatzangebot, sondern verbindlicher Bestandteil kommunaler Infrastruktur. Diese rechtliche Grundlage hat mehrere positive Effekte. Zum einen ermöglicht sie eine frühzeitige Informations- und Abstimmungsphase zwischen Verwaltung und Politik. Themen, Zielsetzungen und Verfahrensschritte werden vorab transparent beraten, sodass Politik und Bürgerschaft frühzeitig eingebunden sind. Das erhöht die Akzeptanz der Ergebnisse und stärkt die Verlässlichkeit des gesamten Prozesses. Zum anderen schafft die satzungsrechtliche Verankerung eine wesentliche Grundlage für die datenschutzrechtliche Absicherung des Losverfahrens. Da personenbezogene Daten aus dem Einwohnermelderegister für die Zufallsauswahl genutzt werden, ist eine klare rechtliche Legitimation unerlässlich. Die Regelung in der Satzung stellt sicher, dass Auswahl, Anschreiben und Verarbeitung der Daten transparent, nachvollziehbar und rechtskonform erfolgen (vgl. Patze- Diordiychuk, 2025).
Vier Bürgerräte – vier Lernprozesse
In den vergangenen Jahren wurden vier projektbezogene Bürgerräte umgesetzt (vgl. Datenbank Bürgerräte, 2025):
- Radeln in die Zukunft (2022): Entwicklung von Leitzielen für die Mobilitätswende als Grundlage für ein Verkehrskonzept.
- Familienfreundliches Herzberg (2023): Ziele und Maßnahmen für familienfreundliche Strukturen, basierend auf Umfragen und einer Ideenwerkstatt.
- Lebendige Innenstadt (2024–2025): Impulse für temporäre und langfristige Marktplatzgestaltung, unter anderem durch Pop-up-Ausstellungen und Beteiligungspostkarten.
- Ankerpunkt für kulturelle Bildung, Teilhabe und bürgerschaftliches Engagement (2024–2026): Entwicklung eines Nutzungskonzeptes für ein ehemaliges Schulgebäude als kulturellen Willkommensort.
Die Beteiligungszahlen reichten von 13 bis 84 aktiv Mitwirkenden pro Verfahren, ergänzt durch weitere Beteiligungsformate wie Online-Plattformen, Fahrradsternfahrten, offene Bühnen, Postkartenaktionen, Tischgespräche oder Kreativworkshops (vgl. Stadt Herzberg (Elster), 2022 –2026).
Darüber hinaus wurden gezielt unterstützende Rahmenbedingungen geschaffen, um unterschiedliche Lebenslagen zu berücksichtigen: Für körperlich beeinträchtigte Personen wurden bei Bedarf Abholdienste organisiert, Familien und Alleinerziehenden wurde eine Kinderbetreuung angeboten. Zudem wurden Termine bewusst variierend auf unterschiedliche Wochentage gelegt, um verschiedene Arbeits- und Lebensrhythmen besser abzubilden und Erfahrungen zu sammeln, welche Zeitfenster besonders gut angenommen werden.
Diese Formate dienten nicht allein der inhaltlichen Arbeit, sondern waren bewusste Experimentierräume für eine neue Zeitpolitik. Sie zielten ausdrücklich darauf, auch jene Personen zu erreichen, die sich sonst nicht beteiligen: Menschen, die Vertrauen in Politik oder Verwaltung verloren haben, die sich nicht trauen, ihre Stimme zu erheben oder die sich gesellschaftlich allein gelassen und einsam fühlen.
Gerade durch das persönliche Anschreiben, das Losverfahren und die wertschätzende Einladung entstand ein niedrigschwelliger Zugang. Niemand musste sich aktiv bewerben oder besondere Kompetenzen vorweisen. Die Einladung signalisierte: Sie sind gemeint. Ihre Perspektive zählt.
Die Erfahrungen zeigen, dass Engagement dort entsteht, wo Menschen persönlich angesprochen, ernst genommen und zeitlich respektiert werden (vgl. Gutsche / Kaiser / Kölpin / Kulik / Kuntze, 2025/2026). Wenn Beteiligung verlässlich strukturiert ist, transparent begleitet wird und echte Wirkung entfalten kann, wächst Vertrauen – nicht nur in konkrete Projekte, sondern auch in demokratische Prozesse insgesamt.
Welche zeitlichen Strukturen wurden geschaffen? Herzberg hat nicht mehr Zeit generiert, sondern Zeit anders organisiert. Dazu gehören:
- Workshops am Abend, wenn Erwerbstätige teilnehmen können.
- Tischgespräche im Alltag, kurz und direkt.
- Aufsuchende Verfahren für Menschen, die selbst nicht kommen können.
- Digitale Beteiligungsmöglichkeiten im Vorfeld.
- Pop-up-Formate, die während eines Spaziergangs erlebbar sind.
- Persönliche Einladungen mit ausreichend Vorlauf.
- Niedrige Zugangsschwellen ohne fachliche Vorbildung.
- Moderation, die Zeit strukturiert, statt sie zu überfrachten.
- Ergebnispräsentationen mit Bürgermeister und Politik, die Wertschätzung sichtbar machen.
Teilnehmende berichten: „Wenn ich nicht ausgelost worden wäre, wäre ich nie dabei gewesen.“. Oder: „Das persönliche Anschreiben hat mich neugierig gemacht.“. Solche Rückmeldungen verdeutlichen: Zeit für Engagement entsteht dort, wo Menschen sich gesehen fühlen (vgl. Stadt Herzberg (Elster), 2022–2026).
Bemerkenswert ist, dass auch Personen mit zuvor wenig Engagementerfahrung dauerhaft aktiv bleiben. Jugendliche engagieren sich länger, wenn sie einmal beteiligt waren. Seniorinnen entdecken neue Rollen. Menschen mit Fluchtgeschichte bringen Perspektiven ein, die sonst fehlen würden. Engagement wird zur Beziehung – und Beziehungen brauchen Zeit (vgl. Schader-Stiftung / Deutsche Gesellschaft für Zeitpolitik / Evangelische Hochschule Darmstadt / IZGS, 2025).
Fünf Thesen für eine kommunale Zeitpolitik
Erstens: Zeitformen statt Zeitmengen: Wir brauchen passgenaue Zeitformen, nicht einfach mehr Zeitangebote. Beteiligung muss sich an den Lebensrealitäten der Menschen orientieren.
Zweitens: Strukturelle Rahmenbedingungen: Engagement braucht ermöglichende Zeitfenster – etwa flexible Arbeitszeiten, Beteiligungsfonds oder Aufwandsentschädigungen.
Drittens: Vorbereitende Investitionen: Kommunale Verwaltungen müssen selbst Zeit investieren – in anbahnende Vorarbeiten, Moderation und Wissenstransfer. Vier bis sechs Wochen Vorlauf pro Bürgerrat sind keine Verzögerung, sondern Voraussetzung für Qualität.
Viertens: Verlässlichkeit durch Recht: Politik muss Bürgerräte ernst nehmen. Die Verankerung im Ortsrecht schafft Verbindlichkeit und Vertrauen.
Fünftens: Beteiligung ist Chefsache: Ohne sichtbare Unterstützung durch Bürgermeisterin oder Bürgermeister entsteht kein Zeitgewinn, sondern Frustration.
Engagement als Infrastruktur der Demokratie
Herzberg ist klein. Doch die Erkenntnis ist übertragbar: Zeit für Engagement ist gestaltbar. Sie ist kein individuelles Problem, sondern eine politische Aufgabe. Kommunen können Zeitkonflikte nicht vollständig auflösen, aber sie können Räume schaffen, in denen vorhandene Zeit wirksam wird (vgl. Gutsche / Kaiser / Kölpin / Kulik / Kuntze, 2025/2026).
Engagement ist kein Luxus. Es ist Infrastruktur – ähnlich wie Straßen, Schulen oder digitale Netze. Wenn wir Bedingungen schaffen, unter denen Menschen gern ihre Zeit geben, wächst nicht nur das Engagement. Es wächst die demokratische Resilienz einer Kommune.
Gerade in strukturschwachen Regionen mit begrenzten Ressourcen zeigt sich: Beteiligung kostet Zeit – aber Nicht-Beteiligung kostet Vertrauen. Zeitpolitik auf kommunaler Ebene bedeutet daher, Beteiligung als Investition zu begreifen.
Unter dem Motto „Engagement braucht Zeit – Gesellschaft braucht Engagement“ steht für uns fest: Wer Demokratie stärken will, muss Zeit neu verteilen. Und wer Engagement fördern will, muss Zeit ernst nehmen – als kostbare Ressource, als politische Kategorie und als gemeinschaftliche Aufgabe.
Literatur
Gutsche, Jens / Kaiser, Lea / Kölpin, Ronja / Kulik, Hanna-Greta / Kuntze, Stephanie: Stadt. Engagement. Zukunft. Eine Szenarioanalyse für Potsdam 2035 (im Druck), Inter- & transdisziplinäres Projekt der FHP, SoSe 2025, Erscheinung 2026.
Schader-Stiftung / Deutsche Gesellschaft für Zeitpolitik / Evangelische Hochschule Darmstadt / Institut für Zukunftsfragen der Gesundheits- und Sozialwirtschaft (IZGS): Tagungsunterlagen „Engagement braucht Zeit – Gesellschaft braucht Engagement“, Darmstadt 2025.
Patze-Diordiychuk, Peter: Bürgerräte – Mehr Beratung und Repräsentativität bei kommunalen Grundsatzfragen, Seite 140 bis 152, Beiträge zur Demokratieentwicklung Nr. 34, Verlag Stiftung Mitarbeit, Bonn 2025.
Netzwerk Zukunftsorte: Politik zum Wandel machen – Handlungsempfehlungen aus der Praxis, Progressive Kommunen, gefördert von der Brandenburgischen Landeszentrale für Politische Bildung, 1. Auflage 2023.
Stadt Herzberg (Elster) (2022–2026): Dokumentationen der Bürgerräte „Radeln in die Zukunft“, „Familienfreundliches Herzberg“, „Lebendige Innenstadt“ und „Ankerpunkt für kulturelle Bildung, Teilhabe und bürgerschaftliches Engagement“, Herzberg (Elster).
Mehr Demokratie e. V. / Bergische Universität Wuppertal, Institut für Demokratie- und Partizipationsforschung (IDPF) Forschungsstelle Bürgerbeteiligung, Datenbank Bürgerräte: www.datenbank-buergerraete.info/, zuletzt aufgerufen am 20. 11. 2025.
Stefanie Kuntze,
Diplom-Verwaltungsökonomin und Stellvertretung
des Bürgermeisters Stadt Herzberg (Elster)
