
Karin Jurczyk
Zeit für zivilgesellschaftliches
Engagement – empirische Dimensionen
Die individuelle und gesellschaftliche Sinnhaftigkeit zivilgesellschaftlichen Engagements ist unbestritten, insbesondere in unruhigen Zeiten wird an den Gemeinsinn von Bürger:innen appelliert. Seit Langem bestätigen repräsentative Studien wie der Freiwilligensurvey deren Bereitschaft, Teile ihrer persönlichen Lebenszeit und ggf. auch ihrer Erwerbszeit Aktivitäten für die Gesellschaft zu widmen. Diese werden mit verschiedenen Begriffen benannt: Ehrenamt, bürgerschaftliches Engagement, Freiwilligenarbeit, freiwilliges Engagement oder auch zivilgesellschaftliches Engagement. Folgende Kriterien werden im Freiwilligensurvey 2025 hierfür genannt: Freiwilligkeit, Gemeinnützigkeit, Gemeinwohlorientierung, öffentlicher Raum und kollektiv-gemeinschaftlicher Rahmen (Fritzsche u. a. 2025: 6). Wir verwenden den Begriff „zivilgesellschaftliches Engagement“, da dies u. E. der umfassendste Begriff ist, der explizit auch politisches Engagement als Arbeit für die Demokratie einschließt. Aber wie sieht das Engagement genau aus – und wer engagiert sich in welchem Umfang?
Umfang, Alter, Engagementfelder und Organisationsformen
Betrachtet man den Umfang des Engagements im Zeitverlauf seit 1999 – dem Beginn der Erhebungen, die ca. alle fünf Jahre stattfinden – zeigt sich eine kontinuierliche Zunahme. Auch der aktuelle Sechste Survey belegt eine hohe Engagementquote der Bevölkerung über 14 Jahren von 36,7 % (ebd.: 4). In absoluten Zahlen engagieren sich 27 Millionen Menschen in Deutschland. Frauen und Männer tun dies mit 36,4 % zu 37 % inzwischen fast gleichermaßen. Allerdings ist die Engagementquote insgesamt erstmals seit 20 Jahren gegenüber 2019 (39 %) um ca. 3 % leicht gesunken. Teilweise kompensiert wird dies aber wiederum dadurch, dass diejenigen, die ein Ehrenamt ausführen, sich etwas mehr Zeit dafür nehmen, indem sie länger und häufiger aktiv sind: Knapp ein Viertel der Engagierten (24 %) sind drei bis fünf Stunden/Woche aktiv, fast jede oder jeder Fünfte (19 %) sechs Stunden pro Woche oder mehr. 2019 lagen diese Anteile noch um 2-3 Prozentpunkte darunter. Zudem sind 2024 immerhin 48 % im Vergleich zu 42 % im Jahre 2019 einmal pro Woche oder häufiger aktiv (ebd.).
Die Engagementbeteiligung unterscheidet sich je nach Alter der freiwillig Engagierten. Am aktivsten ist die Altersgruppe der 30- bis 49-jährigen mit 40,4 % sowie der 14- bis 29-jährigen mit 40 %. Auch in den höheren Altersgruppen bleibt die Quote hoch: 37,6 % der 50- bis 64-jährigen und 36,9 % der 65- bis 74-jährigen sind freiwillig engagiert. Ab 75 Jahren geht die Beteiligung zwar zurück, doch auch in dieser Altersgruppe sind immer noch 21,1 % aktiv (ebd.). Der stärkste Rückgang der Engagementquote im Vergleich zum Fünften Freiwilligensurvey 2019 zeigt sich bei 30- bis 49-Jährigen: Hier sank die Quote von 44,7 % im Jahr 2019 auf 40,4 % in 2024 (ebd.: 10). Es kann vermutet werden, dass die vielfältigen gleichzeitigen Anforderungen der sog. „Rushhour des Lebens“ in dieser Altersgruppe zu diesem Rückgang beitragen. Denn es gibt einen deutlichen Rückgang bei Frauen dieser Altersgruppe:
Bei Frauen mit Kindern im Haushalt ging die Engagementbeteiligung von 50,4 % auf 43,9 % zurück. Dennoch bleibt die Engagementquote von Frauen zwischen 30-49 Jahren überproportional hoch: 42,6 % der Frauen gegenüber 38,4 % der Männer (ebd.) sind engagiert, erstere allerdings mit weniger Stunden als letztere. Dass die Engagementquote von Frauen und Männern mit Kindern im Haushalt in dieser Altersgruppe höher ist als bei denen ohne Kinder, lässt sich durch ihre familienbezogenen Aktivitäten in Kita, Schule und Sportverein erklären. Dies aktualisiert den keineswegs neuen Befund, dass die sogenannte Vereinbarkeitsfrage nicht nur Beruf und Familie, sondern auch das Engagement einschließen muss (Heitkötter/Jurczyk 2011).
Auch die Felder des Engagements sind vielfältig: Sie umfassen Sport, Soziales, Kirche, Kultur, Politik, Umwelt, den Katastrophenschutz und mehr. Das meiste freiwillige Engagement findet im Sport statt, gefolgt von karitativen Tätigkeiten. Tendenziell nimmt das Engagement in Kultur und Musik ab, eine Zunahme zeigt sich nur bei Unfall- und Rettungsdiensten, Freiwilligen Feuerwehren sowie im Bevölkerungs- und Katastrophenschutz. Der Engagementbericht des Deutschen Bundestages (2024) weist darauf hin, dass das politische zivilgesellschaftliche Engagement zunehmend unter Druck steht und sich Anfeindungen und Bedrohungen ausgesetzt sieht (Dt. Bundestag 2024: 122ff.)
Ebenso unterscheiden sich die Organisationsformen des Engagements: Vereine und Verbände überwiegen mit 54 % deutlich, gefolgt vom informellen Engagement (Selbsthilfeorganisationen, Initiativen u. a.) mit 13 %, den Kirchen und religiösen Vereinigungen mit 11 %, und den staatlichen und kommunalen Einrichtungen mit 9 % (Fritzsche u. a. 2025: 31). Abhängig von den jeweiligen Organisationen sind auch die Formen der Absicherung und Anerkennung: Manchmal bieten sie monetäre Leistungen (z. B. Aufwandsentschädigung oder Entgeltersatz), manchmal rechtliche Absicherung durch Haftung, teilweise zeitliche Freistellungen und selten Rentenpunkte (s. Mückenberger in diesem Heft). Da Frauen sich deutlich häufiger als Männer informell engagieren – d. h. etwa in Selbsthilfeorganisationen – profitieren sie weniger von Absicherungen, die oft in Vereinen und Verbänden gegeben sind, in denen Männer überwiegend aktiv sind.
Geschlecht und andere Ungleichheiten
Bereits dies ist ein Hinweis darauf, dass die insgesamt annähernd gleichen Engagementquoten der Geschlechter nur eine Scheingleichheit darstellen. Denn bei genauerer Betrachtung reproduzieren sich auch beim Engagement weit verbreitete geschlechtsspezifische horizontale und vertikale Ungleichheiten des Arbeitsmarktes (vgl. Vogel 2025). Horizontal zeigt sich dies bei der Verteilung der Geschlechter auf die Engagementfelder: Frauen sind im vor allem im sozialen Bereich, in Schule und Kita aktiv, Männer im Sport, in Rettungsdiensten, beim Technischen Hilfswerk und im Katastrophenschutz. Dass in den „männlichen“ Bereichen Engagement durch betriebliche Freistellung, Entgeltersatz, Rentenanrechnungen und Haftung besser abgesichert ist, ist eine vertikale Ungleichheitsfolge. Das häufigere informelle Engagement von Frauen ist zwar leichter zugänglich für diese, aber eben auch weniger sichtbar, weniger anerkannt und weniger abgesichert. Mögliche Ungleichheitsfolgen hat auch die geringere Zeitintensität des Engagements von Frauen: Nur 39 % der Frauen sind drei bis sechs Stunden und mehr pro Woche aktiv, Männer jedoch zu 47 % (Fritzsche u. a. 2025: 22). Dies mag einer der Gründe dafür sein, dass auch die Leitungs- und Vorstandspositionen in Organisationen ungleich verteilt sind: 21 % bei Frauen, jedoch 31 % bei Männern (ebd.: 5). Wie so häufig überschneiden sich zudem unterschiedliche Ungleichheitsdimensionen: Frauen mit geringer Bildung, migrantischem Hintergrund sowie mit Einkommensarmut stellen den deutlich geringsten Anteil freiwillig engagierter Personen.
Diese ungleichen und intersektionalen Zugänge zum Engagement, sogenannte „Schwellen“, sind eigener Gegenstand des Engagementberichts des Deutschen Bundestages (2024), allerdings klammert dieser wegen einer oberflächlichen Angleichung (s. o.) wiederum die Genderdimension aus. Es werden 13 diskriminierende Schwellen beim Zugang zum Engagement identifiziert, die die ohnehin bestehenden sozialen Ungleichheiten verschärfen. So besteht ein starker Zusammenhang zwischen Bildungsabschluss, Einkommen, Erwerbsstatus, Migrationshintergrund, Queerness, Behinderung u. a. m. und der Beteiligung am Engagement. Soziale Ungleichheiten werden aber beim Zugang zum Engagement nicht nur reproduziert, sondern sie werden im Prozess des Engagements nochmals aktiviert (ebd.: 201). So ist etwa eine niedrige Schulbildung mit einer Engagementquote von 24,6 % im Vergleich zu 45,5 % von Personen mit hoher Schulbildung verknüpft; ein Migrationshintergrund schlägt mit 28,4 % zu Buche gegenüber 40,1 % Engagierter ohne Migrationshintergrund.
Neben diesen erwartbaren ‚klassischen‘ Zugangsbarrieren gibt es aber auch subtilere Schwellen, dazu gehören etwa die
„Diskriminierung bei der Ansprache für ein Engagement, weil bestimmte soziale Gruppen aufgrund von Vorurteilen als eher weniger geeignet für ein Engagement erscheinen als andere Gruppen. Unscheinbare alltägliche Praktiken wie unterschiedliche Sprechweisen, die Mitsprache erschweren, haben genauso einen Einfluss auf ungleiche Zugänge zum Engagement wie offene Bedrohung und Gewalt. Fehlende Infrastrukturen in Form von Räumen für Begegnung und Austausch wirken ebenso als Schwellen wie mangelnde Repräsentation. Digitalisierung und rechtliche Regelungen eröffnen zugleich Möglichkeiten und wirken als Schwellen. Die Anforderungen an Bürokratie und die Akquise von Fördermitteln überfordern kleine und „neue“ Organisationen eher als große und etablierte. Und schließlich stellt die ungleich verteilte Sichtbarkeit und Anerkennung insbesondere für informelles Engagement eine spezifische Schwelle dar.“ (ebd.)
Aus zeitpolitischer Perspektive ist besonders interessant, dass als Grund für die mögliche Einschränkung oder Beendigung des Engagements mit 62 % am häufigsten zeitliche Faktoren genannt werden (Fritzsche 2025 u. a.: 5). Dass Zeit und Zeitautonomie fehlen, bestätigen mehrere Studien. „Nur 31 % der Erwerbstätigen haben so viel Zeit für politisches oder gesellschaftliches Engagement, wie sie wünschen. Besonders betroffen sind Frauen (28 %) und Mütter (20 %), während Männer (34 %) und Väter (32 %) mehr Zeitwohlstand haben.“ (Lott u. a. 2025: 2). Neben der überproportionalen Betroffenheit von Frauen aufgrund ihrer Zuständigkeit für Sorgearbeit (Dt. Bundestag 2024: 143; Statistisches Bundesamt 2024) wäre es aufschlussreich, diese Zeitarmut auch intersektional weiter aufzuschlüsseln.
Literatur
Fritzsche, Anne / Leven, Ingo / Rysina, Anna / Schneekloth, Ulrich / Wolfert, Sabine (2025): Freiwilliges Engagement in Deutschland. Zentrale Ergebnisse des Sechsten Deutschen Freiwilligensurveys (FWS 2024). Hrsg.: Staatsministerin für Sport und Ehrenamt im Bundeskanzleramt. Berlin.
Deutscher Bundestag (2024): Vierter Engagementbericht. Zugangschancen zum freiwilligen Engagement. 20. Wahlperiode. Drucksache 20/14120.
Heitkötter, Martina / Jurczyk, Karin (2011): Bürgerschaftliches Engagement von und für Familien. In: Klein, Ansgar / Fuchs, Petra / Flohe, Alexander (Hrsg.): Handbuch kommunale Engagementförderung im sozialen Bereich. Berlin: Eigenverlag des Deutschen Vereins, S. 149-155.
Lott, Yvonne / Mückenberger, Ulrich / Scholz, Ricarda / Völkle, Hanna (2025): Sorgesensible und geschlechtergerechte Arbeitszeiten. Jetzt! WSI-Kommentar Nr. 6, März 2025, Hans-Böckler-Stiftung, Düsseldorf.
Statistisches Bundesamt (2024): Wo bleibt die Zeit? Ergebnisse zur Zeitverwendung in Deutschland 2022, verfügbar: www.destatis.de/DE/Themen/Gesellschaft-Umwelt/Einkommen-Konsum-Lebensbedingungen/Zeitverwendung/_inhalt.html, Abruf 28. 3. 2026.
Vogel, Claudia (2025): Zeit für zivilgesellschaftliches
Engagement: Zahlen, Daten und Fakten. Vortrag beim 3. Optionszeitenlabor von BSG und DGfZP, Berlin. Siehe auch www.bundesstiftung-gleichstellung.de/rueckblicke/drittes-optionszeitenlabor-engagementzeiten-gleichstellungspolitisch-denken/
Dr. Karin Jurczyk
Stellvertretende Vorsitzende der
Deutschen Gesellschaft für Zeitpolitik e.V.
